Leseprobe aus: ‚Inspektor Herdenbein frisst sich durch – Der Tote vom Schluensee’

Später, es war inzwischen Mittagszeit geworden, entschied ich mich - und das sollte sich als eklatanter Fehler erweisen - doch für den Speisewagen.
Spesen hin, Spesen her! Man muss auch Laster haben! Mein Laster war das Essen. Ich meine damit gutes Speisen! Also hinfort mit dem Geld. Zahlte ich eben selber! Und das Hotel? Hatte ich nicht wunderbar geschlafen? Und hatte ich nicht in der ersten Nacht einen inspirierenden Traum gehabt? Manchmal kosten eben auch Inspirationen Geld. Eben! Also würde ich dafür eigenständig bezahlen!

Ich wollte bis Hamburg Hbf. fahren und mir dann ein Taxi bis Wandsbek nehmen. Ich hatte also noch eine gute Stunde Zeit für das Mittagessen.
Als ich den Speisewagen betrat, erwartete mich beinahe gähnende Leere. Sollten mittwochs wirklich nur wenige Reisende unterwegs sein? Ich konnte folglich einen mir genehmen Platz wählen. Der Ober kam augenblicklich und reichte mir die Speisekarte. Ich ließ mir zuerst einmal ein Mineralwasser bringen und studierte dann die Karte.
Was mir als erstes auffiel, waren die gepfefferten Preise. Hollah, da kostete ja schon die Suppe ein Vermögen. Nicht, daß Sie jetzt denken, daß ich bei den Preisen an die auszufallenden Spesen dachte! Nicht die Spur! Aber das war hier denn doch reichlich maßlos! War ich in einem Edelrestaurant gelandet? 'Erleben Sie Gourmetfreuden und genießen Sie die vorbeirauschende Landschaft. Ihre Deutsche Bahn AG macht's möglich!'

Suppe, Hauptgang und Nachspeise schienen mir nicht drin zu sein. Wirklich, ich dachte nicht an die Spesen!. Das Mineralwasser war gekommen und bestach durch seinen lauen Esprit. Ich nippte an dieser eingeschlafenen Sprudeligkeit und hätte gewarnt sein müssen! Wenn schon das Wasser nichts war, welche Qualität sollten dann erst die Speisen aufweisen?
Ich entschied mich für ein Waldschnitzel mit Pommes Frittes, samt einem gemischten Salat. Ich meinte, da könnte doch kein Koch der Welt etwas dran versauen. Mutmaßte ich! Wenn ich es recht überlegte, bestellte ich es jedoch hinsichtlich seines Namens. Ich kenne Schweineschnitzel und Kalbsschnitzel, auch jene unsäglichen Jäger- und Zigeunerschnitzel, aber ein Waldschnitzel, was ist das? Nicht wahr, das wissen Sie auch nicht? Auch Sie können sich nichts unter einem Waldschnitzel vorstellen? Lassen Sie das Wort einmal auf der Zunge zergehen: Waldschnitzel! Nun sind wir beide, Sie und ich, gespannt, oder?

Der gemischte Salat kam und entpuppte sich als Zweikampf zwischen Gurke und Tomate. Dieser Zweikampf fand unter einer rötlichweißen Soße statt. Nach einem ersten Probieren ließ ich die beiden Gegner alleine weiterkämpfen, trug also nicht mehr zu ihrer beider Vernichtung bei.
Und jetzt! Oh du große Waldschnitzelüberraschung! Du entpupptest dich als paniertes Jägerschnitzel mit einer dicken Blubbersoße, in der gummiartige Dosenchampignons enthalten waren. Die Menge der Blubbersoße war so gewaltig, daß die möglicherweise in der Küche noch knusprigen Pommes Frittes auf dem Weg zu mir schon kräftig durchgeweicht worden waren.
Mir fiel meine Kindheit ein. Als Kinder sagten wir zu Matsch Potten, ich glaube, in Berlin heißt das Pampe. Wenn ich dreckig nach Hause kam, weil ich im Matsch gespielt hatte, rief meine Mutter immer aus: 'Oh, du oller Pottenkleer!' Hier, bei meinem Essen im Speisewagen wurde ich wieder - zwangsweise, bitte schön! - in meine Kindheit zurückversetzt: Ich wurde zum Pottenkleer.
Unlustig fuhr meine Gabel durch Soße, zerschnittenes Fleisch und Gummibärchen - Entschuldigung! ich meine natürlich Gummipilzen - hin und her. Ein paar Bissen fanden den Weg in meinen Magen, den Rest ließ ich stehen und spülte nochmals kräftig mit der Lauheit nach.

Der Ober, der meinen Teller schließlich abräumte, vermied die Frage, ob es mir gemundet hätte. Das größte an diesem Essen der minderen Art war dann auch die Rechnung. Ich bezahlte und gab dem armen Tropf von Kellner dennoch ein Trinkgeld. Ich war schon gestraft, sollte er auch noch bestraft werden? Allerdings konnte ich mir nicht die Bemerkung verkneifen, daß er sich von meinem Trinkgeld auf keinen Fall ein von der Bahn befördertes Mineralwasser gönnen sollte. Etwas peinlich berührt - dabei konnte er doch gar nichts dafür! - grinste er.
Wir liefen im Hamburger Hauptbahnhof ein.


Leseprobe aus: ‚Inspektor Herdenbein frisst sich durch – Eine Plöner Strangulierung’

”Grauenhaft, Inspektor Herdenbein”, ließ er sich mit belegter Stimme vernehmen. Aha, daher die Blässlichkeit.
Auch wir begrüßten uns dann händeschüttelnd und wechselten einige wenige private Worte. ”Lassen Sie niemanden herein, Herr Holtz, ich möchte drinnen ein wenig allein sein.” ”Der Schulleiter der Bechstein-Hauptschule ist bereits in der Halle und erwartet Sie, Chef”, belehrte mich Holtz.
Ich ging durch den Windfang der Turnhalle und betrat dann dieselbe.
Die Sicht in den Innenraum wurde mir durch den avisierten Schulleiter versperrt.
”Colmorgen, Schulleiter”, stellte er sich vor. Er wirkte fahrig, was man verstehen kann.
”Herdenbein, Inspektor”, retournierte ich, ”lassen Sie mich einen Augenblick die Situation erfassen, dann bin ich für Sie da.”
Er nickte, gab den Weg frei und blieb an der Tür stehen. Ich hatte mit einem kurzen Blick durch die aufgeräumte Halle die Leiche wahrgenommen. Ich kümmerte mich aber noch nicht darum. Ich muss eine Situation auf mich wirken lassen. Infolgedessen ging ich zur Längswand und zog eine Turnbank in die Mitte des Raumes. Erst als ich meinen Mantel ausgezogen und mich auf die Bank gesetzt hatte, hob ich den Blick und ließ das Geschehene, das grauenhaft Geschehene auf mich einwirken.
Protokollhaft und unbeteiligt würde ich jetzt sagen: Eine weibliche Person wurde mit dem Kopf in einen Basketballkorb gesteckt und dann stranguliert.
An der Stirnseite der Turnhalle, die rundherum bis in zweieinhalb Meter Höhe braun gepolstert war und darüber eine blaue Kachelung aufwies, war in etwa 2,80 Meter Höhe der Basketballkorb angebracht. Der Kopf der Toten steckte im Korb, der unten zugebunden war. Das Gesicht schaute zur Hallendecke empor und war bläulich verfärbt, die Augen traten basedowmäßig hervor. Auf Grund des zugezogenen Netzes war der Mund geschlossen und die normalerweise typisch ausgestreckte Zunge fehlte. Kannte ich die Tote? Das war nur ein kurzer gedanklicher Blitz, der mein Hirn durchzuckte. Der Körper war absolut schlaff und bewegte sich nicht.
Und...Der Frauenkörper war nackt! Und wunderschön! Eine bildschöne, nackte Frauenleiche. Kannte ich sie? Mein Gott, Herdenbein! Du siehst diesen Körper das erste Mal und willst sie kennen. Das ist ja schon beinahe abartig! Gut. Vergessen wir’s!
Sie meinen, dass meine Schilderung sehr sachlich klingt? Richtig! Nach all meinen Dienstjahren bin ich in der Lage, eine solche gefühlskalte Beschreibung eines Ermordeten abzugeben. Aber denken Sie nicht, dass ich unberührt geblieben war. Nur, es tauchten sofort viele Fragen auf: Was mag in dem Mörder vorgegangen sein, dass er sich eine solch absonderliche Tötungsart ausdachte? Noch nie hatte ich einen Ermordeten in dieser Situation vorgefunden oder auch nur davon gehört. Dann fragte ich mich auch sofort: Kann man diese Tat allein vollbringen? Und warum war die Ermordete ausgezogen worden?
Ich stand auf und ging zurück zur Eingangstür. Einen kurzen Moment schauten Colmorgen und ich uns still - erschüttert - an. Der Mann war groß, hatte volles dunkles Haar und eine rötliche Gesichtsfarbe. Wahrscheinlich litt er unter Bluthochdruck. Später sollte ich erfahren, dass er unter einer ganz anderen Krankheit – wenngleich nicht lebensbedrohend – litt. Er war verständlicherweise nervös. Er suchte in seiner Jackentasche nach Zigaretten, fand sie, hatte auch schon das Feuerzeug in der Hand, steckte dann aber beides in Anbetracht der Situation wieder zurück. Übrigens der zweite schöne Mann an diesem gräulichen Herbsttag!
”Die Tote gehört zu Ihrer Schule?”
”Ja, das ist Julia Wrotter, unsere Sportlehrerin.”
Sie merken, wir nähern uns schon in behutsamen Schritten der Antwort, warum der Mord in einer Turnhalle stattgefunden hat.
”Ich verstehe das überhaupt nicht! Ich bin entsetzt”, fuhr Schulleiter Colmorgen fort.
“Warum gerade sie?”
”Wie meinen Sie das?”
”Nun, Frau Wrotter war eine beliebte Kollegin, eine vorbildliche Lehrerin.”
”Also würden Sie einen Täter aus dem Kollegium ausschließen?”, insistierte ich.
”Als Schulleiter kam ich wunderbar mit ihr zu Recht und die Kinder, ich meine die Schüler, liebten sie.”
”Also würden Sie einen Täter oder eine Täterin aus Ihrem Kollegium ausschließen?”, wiederholte ich meine letzte Frage.
”Auf jeden Fall!”, antwortete Colmorgen ohne nachzudenken. ”Wie furchtbar!”, er schaute zur Stirnwand der Sporthalle.
”Wie haben Sie, Herr Colmorgen, von diesem entsetzlichen Ereignis erfahren?
”Unser Hausmeister, Herr Kant, rief mich gegen zwanzig vor sechs an und teilte mir ganz verstört mit, dass er in der Turnhalle Frau Wrotter gefunden hätte. Im Basketballständer. Tot! Da er mich zuerst angerufen hatte, bat ich ihn, sofort die Polizei zu verständigen. Ich bin dann so schnell ich konnte in die Schule geeilt. Vor dem Eingang empfing mich unser Hausmeister und begleitete mich zur Turnhalle. Ein Polizist stand davor, der zweite war in der Halle. Ich bin dann hineingegangen. Ich kann es nicht fassen. Unsere allseits geliebte Julia Wrotter ist tot. Ermordet!”
”Einstweilen vielen Dank, Herr Colmorgen, wir sprechen uns noch später.”
”Und was soll ich jetzt machen?”, er schaute auf seine Uhr, ”es ist bereits halb acht. Der Unterricht beginnt um acht Uhr?”
Ich überlegte einen Moment.
”Der Unterricht kann ganz normal verlaufen. Die Turnhalle bleibt natürlich gesperrt. Sie informieren Ihr Kollegium offiziell frühestens in der ersten große Pause. Und ich möchte dabei sein!”
”Ich versuche das auf die Reihe zu kriegen”, stöhnte er und verließ die Halle.
Auch ich kehrte der still baumelnden Leiche den Rücken und bat Holtz, vor der gesamten Turnhalle ein Absperrband zu spannen.
Ich mochte nochmals zehn Minuten auf der Bank in der Halle gesessen haben, als Jochen Twiete und Maren Ketels, meine beiden jungen Kollegen erschienen. Twietes äußere Erscheinung setzte mich immer wieder in Erstaunen. So auch jetzt. Er trug graue Hosen mit Schlag und dazu ein schlabberiges Jackett, das durch seine Farbenvielfalt Aufmerksamkeit erregte. Sein geblümtes Hemd biss sich mit dem Jackett. Auf einen Mantel hatte der Junge, trotz des üblen Herbstwetters, verzichtet. Dass Maren bei diesem Outfit nicht einschritt?!
Naja!
”Ich habe deinen Leichendoktor informiert!”, rief Twiete pietätlos in den Raum, um dann abrupt abzubrechen.
Pause.
”Das ist doch!? Das gibt’s doch nicht! Julia Wrotter!”
Ich drehte mich zu ihm um.
”Du kennst die Tote?”, fragte ich vollkommen überrascht.
”Na klar, Chef! Das ist, das war, die Julia Roberts von Plön!”
Erinnern Sie sich noch, dass ich bei der ersten eingehenderen Betrachtung der Toten gemeint hatte, sie zu kennen? Jetzt fiel es mir wieder ein, jetzt wusste ich, woher ich sie kannte. Julia Roberts.